Firmprojekt führt Jugendliche zu Börse, Bahnhofsviertel, Flughafen und den Fragen des Evangeliums:Zwischen Skyline und Straße in Frankfurt

Grundlage des Tages war die biblische Erzählung von den Arbeitern im Weinberg. In diesem Gleichnis erhalten am Ende alle Arbeiter denselben Lohn – unabhängig davon, wie lange sie gearbeitet haben. Die Geschichte provoziert bis heute und stellt eine grundlegende Frage: Was ist eigentlich gerecht? Ist Gerechtigkeit, wenn alle das Gleiche bekommen? Wenn jede und jeder genau das erhält, was er oder sie verdient? Oder hat Gerechtigkeit noch eine andere Dimension?
Mit diesen Fragen im Gepäck machte sich die Gruppe auf den Weg durch Frankfurt, eine Stadt, die wie kaum eine andere für wirtschaftliche Stärke und zugleich für soziale Gegensätze steht.
Erste Station war die Frankfurter Börse, einer der bedeutendsten Finanzplätze Europas. Dort erhielten die Jugendlichen Einblicke in die Funktionsweise der Finanzmärkte und erfuhren, welche gewaltigen Summen hier jeden Monat bewegt werden. Die Börse verfolgt das Ziel, Kapital für Unternehmen bereitzustellen und wirtschaftliche Entwicklung zu ermöglichen. Gleichzeitig wurde den Jugendlichen bewusst, welche Macht wirtschaftliche Entscheidungen für das Leben vieler Menschen haben können.
Besonders eindrücklich war dabei eine Beobachtung direkt vor der Börse: Während im Gebäude Milliardenbeträge und wirtschaftliche Zukunftsperspektiven verhandelt werden, lag wenige Meter entfernt ein obdachloser Mensch. Kaum ein anderes Bild hätte die Spannungen und Widersprüche dieses Tages deutlicher machen können.
Anschließend führte der Weg ins Frankfurter Bahnhofsviertel und zur Bahnhofsmission am Hauptbahnhof. Hier lernten die Jugendlichen Menschen kennen, die sich täglich für Reisende, Bedürftige, einsame Menschen und Menschen in akuten Krisensituationen einsetzen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter berichteten von ihren Erfahrungen und davon, wie wichtig niedrigschwellige Hilfsangebote für Menschen sind, die oft wenig Unterstützung erfahren.
Der Besuch machte deutlich, dass soziale Not nicht irgendwo weit entfernt existiert, sondern mitten in einer wohlhabenden Gesellschaft sichtbar wird. Armut, Wohnungslosigkeit, Suchterkrankungen und Einsamkeit gehören für viele Menschen zum Alltag – oft nur wenige Straßen entfernt von Banken, Bürogebäuden und Luxusgeschäften.
Ein weiterer besonderer Programmpunkt war der Besuch am Frankfurter Flughafen. Dort lernte die Gruppe die Arbeit der Flughafenseelsorge kennen. Die Jugendlichen waren überrascht, wie vielfältig dieses Arbeitsfeld ist. Es reicht vom Reisesegen für Familien vor dem Urlaub über die Begleitung von Menschen in schwierigen Lebenssituationen bis hin zur Unterstützung bei Abschiebungen. Kaum ein anderer Ort machte so deutlich, wie unterschiedlich menschliche Lebensgeschichten verlaufen können und wie Kirche Menschen an sehr verschiedenen Punkten ihres Lebensweges begleitet.
Der Projekttag hinterließ viele Eindrücke, aber bewusst nicht auf jede Frage eine einfache Antwort. Gerade darin lag sein besonderer Wert. Die Jugendlichen erlebten einen Tag voller Kontraste und Widersprüche, an dem deutlich wurde, dass Fragen nach Armut, Reichtum, Verantwortung und Gerechtigkeit oft komplexer sind, als sie auf den ersten Blick erscheinen.
Am Ende stand deshalb weniger eine fertige Lösung als eine gemeinsame Erkenntnis: Es ist wichtig, sich diesen Fragen überhaupt zu stellen. Der christliche Glaube fordert immer wieder dazu heraus, die Welt nicht nur aus der eigenen Perspektive zu betrachten, sondern sie mit den Augen der Menschen am Rand zu sehen. Die Frage nach Gerechtigkeit gehört untrennbar zur Botschaft Jesu und bleibt eine Aufgabe, mit der sich Christinnen und Christen immer wieder neu auseinandersetzen müssen.
Genau deshalb passte dieser Projekttag hervorragend in die Firmvorbereitung des Pastoralen Raumes Idar-Oberstein. Firmvorbereitung bedeutet hier nicht nur, über Glauben zu sprechen, sondern ihn mit den großen Fragen des Lebens und der Gesellschaft in Verbindung zu bringen. Frankfurt wurde an diesem Tag zu einem Lernort, an dem die Jugendlichen entdecken konnten, dass Glaube nicht nur eine private Angelegenheit ist, sondern auch danach fragt, wie Menschen miteinander leben und welche Verantwortung sie füreinander tragen.
