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Firmprojekt in der Justizvollzugsanstalt Wittlich fordert Jugendliche heraus, über Gerechtigkeit und Vergebung nachzudenken:Schuld, Strafe und die Frage nach einem Neuanfang

Was passiert, wenn Menschen schwere Schuld auf sich laden? Kann ein Mensch nach schwerwiegenden Fehlern neu anfangen? Und was bedeuten Gerechtigkeit, Vergebung und Versöhnung aus christlicher Sicht? Mit diesen Fragen setzten sich Firmbewerberinnen und Firmbewerber des Pastoralen Raumes Idar-Oberstein in einem besonderen Firmprojekt auseinander, das sie bis in die Justizvollzugsanstalt Wittlich führte.
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Datum:
30. Juli 2026
Von:
Michael Michels

Bereits bei einem Vortreffen in St. Peter & Paul in Idar-Oberstein wurde deutlich, dass es sich um ein Projekt handeln würde, das keine einfachen Antworten bereithält. Gemeinsam mit einem Richter diskutierten die Jugendlichen reale Fallbeispiele und setzten sich mit der Frage auseinander, wie unsere Gesellschaft auf Straftaten reagiert. Schnell wurde deutlich, dass Gerechtigkeit oft komplizierter ist, als sie auf den ersten Blick erscheint. Wann ist eine Strafe gerecht? Was geschieht mit Menschen, die Schuld auf sich geladen haben? Und wie kann Gesellschaft zugleich die Opfer schützen und den Tätern eine neue Chance ermöglichen?

Im weiteren Verlauf des Abends spielte zunehmend auch die religiöse Dimension dieser Fragen eine wichtige Rolle. Die Jugendlichen beschäftigten sich mit der christlichen Vorstellung von Schuld, Vergebung und Gerechtigkeit. Dabei wurde deutlich, dass der christliche Glaube eine gleichermaßen tröstliche wie herausfordernde Perspektive eröffnet: die Hoffnung, dass Gott am Ende mit seiner Liebe Gerechtigkeit schaffen wird – allerdings oft auf ganz anderen Wegen, als Menschen sie sich vorstellen.

Intensive Gespräche entstanden auch über die Themen Himmel und Hölle. Die Jugendlichen diskutierten die Vorstellung der Nähe Gottes als Ziel menschlichen Lebens ebenso wie die Möglichkeit einer bewusst gewählten Gottesferne. Im Laufe des Abends wuchs dabei die Erkenntnis, dass zwischen einem unvollkommenen Leben und der vollkommenen Gemeinschaft mit Gott eine Form der Läuterung denkbar sein könnte – eine Vorstellung, die in der kirchlichen Tradition mit dem Begriff des Fegefeuers beschrieben wird, allerdings deutlich anders als in vielen populären oder mittelalterlichen Vorstellungen.

Der Besuch in der Justizvollzugsanstalt Wittlich wenige Tage später verlieh diesen Fragen eine ganz neue Perspektive. Die Jugendlichen erhielten Einblicke in den Alltag eines Gefängnisses und erfuhren, wie Strafvollzug heute versucht, den schwierigen Balanceakt zwischen Strafe, Schutz der Gesellschaft und Resozialisierung zu bewältigen. Ein besonderer Eindruck entstand durch die Begegnung mit der Gefängnisseelsorgerin Stefanie Peters, die offen über ihre Arbeit berichtete.

Immer wieder kreisten die Gespräche um die Frage, ob Menschen eine zweite Chance verdienen und wie Versöhnung möglich werden kann. Besonders die jungen Frauen der Gruppe brachten dabei das Thema von Sexualstraftaten zur Sprache. Sie fragten sehr direkt, wie es Frau Peters als Frau möglich sei, auch Menschen zuzuhören und seelsorglich zu begleiten, die schwere Sexualverbrechen an Frauen begangen haben.

Die Antwort der Gefängnisseelsorgerin beeindruckte viele der Jugendlichen nachhaltig. Sie betonte, dass ihre Haltung aus ihrem christlichen Glauben heraus erwachse. Schuld müsse klar benannt werden, und begangenes Unrecht verschwinde nicht. Zugleich bleibe die Würde eines Menschen unantastbar – auch im Gefängnis. Für sie sei deshalb kein Mensch endgültig verloren. Gerade dort, wo Menschen an den dunkelsten Punkten ihres Lebens angekommen seien, müsse Kirche präsent bleiben.

Diese Perspektive führte die Gruppe unmittelbar zu einer der zentralen Botschaften des Evangeliums. Jesus begegnet Menschen nicht nur dort, wo sie erfolgreich, stark oder moralisch unangreifbar sind. Immer wieder sucht er gerade die Nähe zu denen, die gescheitert sind, Fehler gemacht haben oder von anderen bereits abgeschrieben wurden. Vergebung bedeutet dabei nicht, Schuld kleinzureden. Sie bedeutet vielmehr die Hoffnung, dass Menschen mehr sind als die schlimmste Tat ihres Lebens.

Das Projekt zeigte eindrucksvoll, warum solche Erfahrungen ein wichtiger Bestandteil der Firmvorbereitung sind. Jugendliche sollen an besonderen Orten mit den großen Fragen des Lebens in Berührung kommen. Die Justizvollzugsanstalt Wittlich wurde an diesem Tag zu einem solchen Lernort: einem Ort, an dem Fragen nach Schuld, Verantwortung, Gerechtigkeit und Vergebung nicht theoretisch diskutiert, sondern ganz konkret erfahrbar wurden.

Viele Jugendliche verließen Wittlich mit mehr Fragen als Antworten. Genau darin lag jedoch die Stärke dieses Projektes. Denn christlicher Glaube beginnt oft nicht mit einfachen Gewissheiten, sondern mit der Bereitschaft, sich den schwierigen Fragen des Menschseins zu stellen – und darauf zu vertrauen, dass Gottes Gerechtigkeit und Barmherzigkeit größer sind als unsere eigenen Vorstellungen.