Christi Himmelfahrt, das Matthäus‑Evangelium und ein kleines Wort mit großer Bedeutung:"Ich bin mit euch alle Tage"

Die nun gar nicht mehr so neue Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift, also die Übersetzung der biblischen Texte, die Sie in den katholischen Gottesdiensten hören, feiert in diesem Jahr ihren 10. Geburtstag. Im April 2016 wurde nach jahrelanger Arbeit die Überarbeitung abgeschlossen, im September 2016 vorgestellt und seit Dezember 2016 ist sie veröffentlicht und in den liturgischen Texten vorgesehen.
Ihr Ziel war es, die Texte, insbesondere die Psalmen, biblischer, also näher am hebräischen oder griechischen Urtext zu übersetzen. Während die meisten Änderungen den „normalen“ Leser‑ bzw. Gottesdienstbesucher*innen kaum aufgefallen sein dürften, gibt es wenige Texte, die auch nach zehn Jahren noch ungewohnt klingen. Der vielen Menschen so lieb gewordene Psalm 23 ist so ein Beispiel oder das Evangelium, das wir in diesem Jahr an Christi Himmelfahrt hören werden: den Schluss des Matthäus‑Evangeliums.
Dort spricht der auferstandene Jesus in Galiläa zu seinen Jüngern:
„… Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“
So haben es viele von uns über Jahrzehnte gehört.
In der neuen Einheitsübersetzung endet das Evangelium dagegen mit den Worten:
„… Und siehe, ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“
Der Unterschied scheint auf den ersten Blick gering. Und doch lohnt es sich, hier genauer hinzusehen. Denn diese kleine Verschiebung von „bei euch“ zu „mit euch“ ist kein zufälliger Stilwechsel, sondern eine bewusste Rückkehr zum griechischen Urtext. Dort sagt Jesus wörtlich: egō meth’ hymōn eimi – Das bedeutet eindeutig„Ich bin mit euch“.
„Bei euch“ beschreibt Nähe als Anwesenheit. „Mit euch“ aber meint viel mehr: gemeinsames Unterwegs- und Dabeisein. Jesus sagt nicht: Ich bleibe in eurer Nähe. Er sagt: Ich bin mitten in eurem Lebensweg.
Gerade an Christi Himmelfahrt ist dieser Unterschied von Bedeutung. Denn dieses Fest wird leicht als Abschied verstanden: Jesus geht nach seiner Auferstehung zurück zum Vater, die Jünger bleiben zurück. Das Matthäus‑Evangelium betont Himmelfahrt jedoch nicht als Weggehen, sondern als Wandlung der Gegenwart. Jesus entzieht sich dem Festhalten, ja, aber nicht der Beziehung. Seine Nähe wird nicht weniger, sondern anders.
Dass dieser Satz am Ende des Evangeliums steht, ist dabei kein Zufall. Schon ganz am Anfang hat Matthäus einen großen theologischen Bogen gespannt, den er hier nun abschließt. In der Weihnachtsgeschichte wird Jesus „Immanuel“ genannt – „Gott ist mit uns“. Was dort verheißen wird, wird hier eingelöst. Der erste und der letzte große Jesus‑Satz des Evangeliums, der Anfang und das Ende der Jesus Geschichte des Matthäus sprechen von derselben Wirklichkeit: Gott ist mit den Menschen unterwegs.
Wie so oft lohnt es sich also bei biblischen Texten etwas genauer hinzusehen. Denn auch so alte und vertraute Texte öffnen sich immer wieder neu. Nicht, weil sich ihr Inhalt geändert hätte, sondern weil wir genauer hinhören.
Gerade in einer Zeit, in der Kirche und Gesellschaft vor großen Herausforderungen stehen, ist diese Zusage des MT-Evangeliums hilfreich. Auch bei uns vor Ort brechen kirchliche Selbstverständlichkeiten weg, die lange getragen haben. Vertraute Formen in unserem kirchlichen und gemeindlichen Leben verlieren an Bindekraft und scheinbar letzte große Sicherheiten im Leben der Kirche vor Ort lösen sich auf. Auch kirchliches Engagement muss unter diesen veränderten Bedingungen ganz neu gefunden werden.
Zugleich erleben wir gesellschaftlich eine spürbare Verhärtung der Debatten. Ängste, Verunsicherung und vereinfachende Antworten gewinnen an Zustimmung. Politische Haltungen, die auf Abgrenzung und Ausgrenzung setzen, finden gerade auch bei uns vor Ort erschreckend viel Rückhalt. Das prägt spürbar das Klima – auch hier, in Gesprächen, im Miteinander, im Alltag.
Das Lesejahr A, das uns besonders intensiv durch das Matthäus‑Evangelium führt, schenkt uns mitten in diese Situation hinein keine einfachen Lösungen, wohl aber eine tragende Perspektive. Matthäus endet nicht mit einer fertigen Antwort auf die Herausforderungen der Zeit, sondern mit einer Sendung und einem Versprechen.
Christi Himmelfahrt heißt dann: Wir bleiben nicht stehen, und wir ziehen uns nicht zurück.
Gerade jetzt sind wir hinausgeschickt – als Kirche in dieser Gesellschaft, an diesem Ort.
Nicht abgesichert durch alte Gewissheiten, aber begleitet und getragen durch einen der größten Sätze der ganzen Bibel und das Sendewort des Festes Christi Himmelfahrt: „Und siehe, ich bin mit euch alle Tage.“
Das ist das Sendewort dieses Festes.
