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Hoffnung als Weigerung die Gegenwart mit der Zukunft zu gleichzusetzen:Danger Dan, Marta und Lazarus und die Dunkelheit des November

Warum fällt es uns so schwer, an eine Zukunft zu glauben, die anders ist als unsere Gegenwart? Der Song „Aber dann“ von Danger Dan und die Geschichte von Marta und Lazarus geben Pastoralreferent Michael Michels darauf eine überraschende Antwort.
Kerze auf einem Grab bei Nacht
Datum:
1. Nov. 2026
Von:
Michael Michels

Der November ist ein Monat, in dem uns die Grenzen unserer Gegenwart besonders bewusst werden. Es ist die Zeit von Verlust und Vergänglichkeit. Die Natur zieht sich zurück, die Tage werden dunkler, die Friedhöfe füllen sich mit Lichtern. Wir erinnern uns an Menschen, die gestorben sind, und an die Abschiede und Brüche, die damit auch mit unserem eigenen Leben verbunden sind.

Vor einigen Tagen habe ich im Auto das neue Album Keine Angst von Danger Dan gehört. Ein beeindruckendes Album voller kluger, berührender und nachdenklicher Lieder. Besonders eindrucksvoll ist mir das letzte Lied in Erinnerung geblieben. Seitdem höre ich es auf Dauerschleife.

Das Lied heißt: „Aber dann“.

Danger Dan erzählt darin von Menschen, die in ihrer Gegenwart gefangen sind. Zum Beispiel von seinem Großvater, der als Soldat im Nationalsozialismus in den Krieg nach Frankreich ziehen musste:

Mein Opa war ein Nazi-Soldat
Hättest du ihn, als er da im Schützengraben lag
Hättest du ihn da gefragt
Ob's eine Möglichkeit gibt
Dass sein Enkel irgendwann
Irgendwann bei Montpellier im Sonn'nuntergang
Die Enkel derer küssen kann
Auf die er grade schießt?

Danger Dan - Aber dann (2026)

 

Das Lied beschreibt eine wichtigen Erfahrung: Wer in seiner Zeit lebt, hält sie oft für unveränderlich. Doch im Rückblick zeigt sich oft, wie sehr sich die Welt dann doch verändert hat.

Diesen Effekt erlebt im Johannes-Evangelium auch Marta. Ihr Bruder Lazarus ist tot. Die Geschichte scheint zu Ende erzählt. Als Jesus, unmittelbar vor der Auferweckung ihres Bruders, von Leben und Auferstehung spricht, kann sie das kaum glauben. Zu überwältigend ist ihre Gegenwart. 

Und wer wollte es ihr verdenken?

Das Lied von Danger Dan und die Geschichte von Marta erzählen letztlich von derselben menschlichen Erfahrung. Wir sehen das, was unmittelbar vor uns liegt. Wir sehen Krisen, Verluste, Abschiede und Grenzen. Wir sehen Gräber und den Tod. Was wir oft nicht sehen können, ist die Zukunft.

Der christliche Glaube beginnt genau dort, wo unsere Vorstellungskraft endet. Interessanterweise verschweigt er weder Leid noch Tod (am Grab von Lazarus weinte Jesus). Aber unser Glaube widerspricht der Annahme, dass die Gegenwart das letzte Wort hat. Lazarus wird vom Tode auferstehen.

Die Gräber, die wir im November besuchen, erzählen von einem Ende. Der Glaube hört an derselben Stelle ein weiteres Wort:

Aber dann.

Aber dann wird Gott die Tränen trocknen.

Aber dann wird Versöhnung möglich sein.

Aber dann wird das Leben stärker sein als der Tod.

Diese Hoffnung ist keine Vertröstung. Sie ist vielmehr die Weigerung, die Gegenwart mit der Zukunft gleichzusetzen.

Für mich ist das die Botschaft des Novembers: Wir sehen die kahlen Bäume und denken an den Winter. Gott sieht schon den Frühling. Wir sehen das Grab des Lazarus. Gott sieht schon Ostern. Wir sehen das Jetzt. Gott sieht das „Aber dann“.